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SPIEGEL ONLINE - 15. Mai 2002, 11:46
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Griechische Ostern
 
Kyrie eleison und Lamm am Spieß

Von Nicole Müller

Hunderttausende Griechen verlassen jedes Jahr an Ostern die Städte, um sich mit ihren Familien in den Dörfern dem Strudel der Gefühle hinzugeben. Im Norden Griechenlands bei den Meteora-Klöstern werden die Feierlichkeiten auch für Andersgläubige zum Erlebnis.

Mit Kerzen in der Hand lauschen die Gläubigen in Kalambaka der Mitternachtsliturgie
Nicole Müller
Mit Kerzen in der Hand lauschen die Gläubigen in Kalambaka der Mitternachtsliturgie
Der Polizist hat seine Mütze unter den Arm geklemmt und steht andächtig in der Menge, die er eben noch mit barschen Rufen zur Seite befohlen hat. Die Karfreitags-Prozession zieht durch Kalambaka, eine Kleinstadt mitten in Thessalien, zu Füßen der Meteora-Felsen. Gerade wird der Epitafios vorbeigetragen, das Symbol für den aufgebahrten Leichnam Christi.

Am Tag zuvor haben die Frauen der Gemeinde den Baldachin, der das darunter liegende Jesus-Bildnis schützt, reich mit Blumen geschmückt. Seitdem stand er in der Mitte der Kirche. Während die Totenglocke läutete, besuchten ihn trauernden Gläubige, küssten und überhäuften ihn mit noch mehr Blüten. Jetzt nähert sich die Prozession dem Hauptplatz von Kalambaka. Gleich vor dem in Pink und Grün beleuchteten Springbrunnen ist eine Bühne aufgebaut. Hier treffen sich die Priester der vier Gemeinden von Kalambaka, hier stellt jede Gemeinde ihren Epitafios auf.

Kerzen, Mikrofone, Blumen

Die silberbärtigen Priester nähern sich singend. Kinder in festlichen Gewändern streuen Blumen und tragen Lautsprecher, Mikrofone und Batterien. Der Polizist vorne wischt sich über den Schnauzbart. Die schwarz gekleideten, älteren Damen tupfen ihre Augenwinkel mit Taschentüchern und halten sogleich die Hand schützend vor die Flamme ihrer Karfreitagskerze.

Meteora-Landschaft im Norden Griechenlands
Nicole Müller
Meteora-Landschaft im Norden Griechenlands
Heute ist der Tag der braunen Kerzen. Erst morgen um Mitternacht werden zur Feier der Auferstehung die weißen Kerzen angezündet. Von der Kirche bis zum Hauptplatz haben die Prozessions-Teilnehmer die brennenden Kerzen getragen und immer wenn der Wind eine ausblies beim Nachbarn wieder angezündet. Eine Gemeinde nach der anderen bringt ihren Epitafios.

Die Priester sammeln sich zur Liturgie auf der Bühne. Die Gemeinde blickt erst andächtig, dann besorgt (wegen der vielen Kerzen wird es immer heißer) und schließlich gelangweilt. Kaum jemand versteht die Worte der Priester. Die Orthodoxie (griechisch für: der rechte Glauben) geht auf Traditionen des achten Jahrhunderts zurück. Seitdem gingen sämtliche Reformationen an der orthodoxen Kirche vorbei. Ihr strenges Regelwerk besagt sogar, dass die Liturgien nicht ins Neugriechische übersetzt werden dürfen.

Schwebende Klöster

Nach etwa einer halben Stunde beginnt die Menschenmenge sich aufzulösen. Die Priester zählen noch auf, wen sie alles in ihr Gebet einschließen werden, aber die Griechen mit ihrer südländischen Ungeduld haben schon andere Sorgen: Einen Ort zum Speisen zu finden. Noch ist zwar Fastenzeit, aber die griechische Küche bietet an Gemüsegerichten und Meeresfrüchten genug, um auch am Karfreitag nicht hungrig zu Bett gehen zu müssen.

Ganz anders sieht es bei den Mönchen und Nonnen in den Meteora-Klöstern aus. Sie fasten schon seit fünf Wochen und unterziehen sich bis zum griechischen Osterfest, das in diesem Jahr vom 7. bis zum 10. Mai stattfand, einem Gebetsmarathon. Von den sechs Klöstern, die auf den Felstürmen "schweben" (gr.: meteora), werden zwei von Nonnen geführt.

Im Nonnen-Kloster Agios Stefanoson kann von weltlicher Abgeschiedenheit kaum noch die Rede sein. Wo früher die Felsspitzen mit Seilen, Leitern sowie an Flaschenzügen befestigten Netzen erklommen werden müssen, sorgen inzwischen Treppen und Tunnel im Felsen oder kleine Brücken für leichtere Erreichbarkeit. So sind alle sechs Klöster für Besucher geöffnet. Die größten (Varlaam und Großes Meteoron) gleichen eher Museen als Orten der Zurückgezogenheit.

Mönche in Festtracht

Im Stefanos-Kloster herrscht um 23 Uhr am Ostersamstag rege Geschäftigkeit. Schwarzgekleidete Nonnen hasten hin und her und beruhigen die Besucher, die sich hinter dem geschlossenen Brückentor drängen. Wie gesagt: Besonders geduldig sind die Griechen nicht gerade. Und auch nicht eben altruistisch. "Ich bin extra 350 Kilometer gefahren", schimpft einer auf die Nonne ein. "Ich will jetzt sofort rein und einen guten Platz haben!" Doch die Nonne kennt in diesem Punkt kein Erbarmen. "Wir warten noch auf das Licht. Erst das Licht."

Das Licht kommt in einem alten Ford Ascona mit Polizeischutz. Das Tor wird geöffnet, der Wagen darf einfahren. Drinnen sitzen zwei Mönche in festlichen Gewändern, jeder hält auf dem Schoß eine Kerze unter einem Windschutz. Ihre Flammen kommen direkt aus Jerusalem und wurden von dort mit dem Flugzeug gebracht. Denn was wäre die Auferstehungszeremonie ohne "frisches" Licht? Eine Nonne entzündet eine aus mehreren braunen Karfreitagskerzen zusammengeschnürte Fackel und verschwindet Richtung Klosterkirche. Der Ford Ascona wendet vor der Brücke und rauscht vom Blaulicht begleitet weiter zum nächsten Kloster, zur nächsten Kirche.

Der geschmückte Epitafios wird zum Hauptplatz von Kalambaka getragen
Nicole Müller
Der geschmückte Epitafios wird zum Hauptplatz von Kalambaka getragen
Die Besucher drängen in den winzigen Kirchenraum. Der Vorraum wird gerade neu ausgemalt, Baugerüste nehmen wertvollen Platz ein. Unter der winzigen Kirchenkuppel stehen hundert Leute eng gedrängt. Der Versuch der Nonnen, Männlein und Weiblein zu separieren, scheitert nach wenigen Minuten. Die Liturgie beginnt unvermittelt. Plötzlich beginnen die Nonnen und der hinter einer Wand halb verborgene Priester zu singen. Kein Grund, in andächtiges Schweigen zu verfallen.

Immer noch drängen Leute hinein, beschweren sich, weil es voll ist und sie keine guten Plätze mehr finden. Eine Frau nörgelt, weil sie sich mit den Ellbogen den Weg zur Marien-Ikone bahnen muss, die sie küssen will. Ein Mann ärgert sich über eine Mutter, die ihre kleine Tochter auf dem geschnitzten Sockel einer anderen Ikone Platz nehmen lässt. Die Nonnen singen weiter: kyrie eleison, kyrie eleison, kyrie eleison. Eine Frau weiter vorn bekreuzigt sich im Minutentakt mindestens fünfzehn Mal hintereinander.

Kreuz über der Haustür

Kurz vor Mitternacht steigert sich der Gesang, die Öllampen und Kerzen in der Kirche werden gelöscht, die Spannung steigt. Einen Moment ist es vollkommen finster und vollkommen still. Dann tritt der Priester mit den Worten "Kommt, nehmet das Licht vom nie untergehenden Lichte und verherrlicht den von den Toten auferstandenen Christus" hinter der Altar-Bilderwand hervor.

Er trägt eine weiße Kerze und wird sofort umringt von den Nonnen, die ihre Kerzen daran entfachen. Sie geben das Feuer weiter an die Besucher, die es wiederum untereinander weitergeben. Binnen Minuten ist es taghell, heiß und riecht nach verbrannten Haaren. Alles drängt hinaus in den Klosterhof, wo der Priester schon steht und weitersingt. Von den Liturgien der vergangenen Tage ist er ganz heiser. Er krächzt erbärmlich, und eigentlich versteht niemand seine Worte, aber das ist inzwischen auch egal.

Die Orthodoxie geht auf Traditionen des achten Jahrhunderts zurück
Nicole Müller
Die Orthodoxie geht auf Traditionen des achten Jahrhunderts zurück
Jeder hat sein Licht und versucht es gegen den Wind zu schützen, denn der Tradition nach, sollen die Gläubigen das Licht in ihre Häuser bringen und mit dem rußigen Docht ein Kreuz über ihre Haustür malen. Um Punkt Mitternacht beginnen die Glocken zu läuten, und die Nonnen schlagen Holz aufeinander. Ursprünglich soll das an Noah erinnern, der auf die Planke der Arche schlug und die Tiere damit aufforderte, vor der Sintflut aufs Schiff zu kommen. So fordern die Nonnen und Mönche die Gläubigen auf, zum Gebet zu kommen. Ihr Bemühen bleibt weitgehend unbelohnt. Die meisten Besucher haben keine Lust, der unverständlichen Liturgie noch bis zwei Uhr nachts zu folgen. Lieber wollen sie ihre Kerzen brennend nach Hause schaffen und das Ende der Fastenzeit begrüßen.

Traditionell stärken sich die Gläubigen nach dem Fasten mit einer würzigen Suppe mit den Innereien des Osterlamms, was am nächsten Tag erst auf den Spieß und dann auf den Tisch kommt. Außerdem werden - ähnlich wie in Westeuropa - hartgekochte, gefärbte Eier serviert. Die hiesigen werden traditionell rot gefärbt, um an das vergossene Blut Christi zu erinnern.

Lamm zum Ostermahl

Am Ostersonntag erwacht Kalambaka mit griechischer Volksmusik. In der warmen Frühsommerluft hängt der Duft von gegrillten Fleisch. Das Osterfest findet seinen krönenden Abschluss im Kreis der Familie. Geöffnete Restaurants sind um diese Zeit eine Seltenheit. Schließlich wollen auch die Wirte mit ihren Familien feiern. Nahezu in jedem Garten, Hof und sogar vor den Garagen sitzen Familien um den Lammspieß. Dazu schallt griechische Volksmusik aus den Lautsprechern.

Der Spieß über einer Grube oder einem Metallkasten voll glühender Holzkohle ist an die zwei Meter lang und trägt ein der Länge nach durchbohrtes Lamm. Dieses wird per Hand oder mit Hilfe eines Elektromotors gedreht - stundenlang. Wer meint, er könne beim Ostergrillen mit von der Partie sein, indem er "nur" zwei Lammkeulen auf ein Grillrost legt, muss sich den Titel "Klein-Griller" gefallen lassen. Gegen Mittag beginnt das Ostermahl. Groß und klein, jung und alt lassen sich das Lamm schmecken.

Oben in den Klöstern auf den Felsspitzen Meteoras wenden sich Mönche und Nonnen wieder dem Klosteralltag zu. Der verlockende Duft des Fleisches steigt nicht bis zu ihnen hinauf. Und so haben sie sich doch noch ein Stückchen Weltabgewandtheit erhalten, in der sie den Jahrtausende alten byzantinischen Glauben pflegen, der den Menschen wenigstens einmal im Jahr ermutigt, ein neues Licht anzuzünden.
 


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